Schöne
Weihnachten
Hier meine
Empfehlungen für sehr schnelle Weihnachtsgeschenke an alle - "Rasmus und
der Landstreichen" von Astrid Landgren - und auch "Rasmus, Pontus und
Schwertschlucker".
Als ich 10 Jahre
alt war, hatte ich AL für mich entdeckt - bis heute ist die kurze Erzählung
"Pelle zieht aus" für mich die schönste Weihnachtsgeschichte - von
Astrid Lindgren auf den Punkt und voller Liebe geschrieben, grandios, und
wunderschön.
Pelle zieht aus
Von Astrid Lindgren
Pelle ist böse. Er ist in einem
solchen Grade böse, dass er beschlossen hat, von zu Hause wegzuziehen. Man kann
einfach nicht weiter bei einer Familie wohnen, wo man in dieser Weise behandelt
wird.
Das war morgens, als Papa ins Büro
gehen wollte und seinen Füllfederhalter nicht finden konnte. "Pelle, hast
du schon wieder meinen Füllfederhalter genommen?", fragte Papa und packte
Pelle hart am Arm.
Pelle hatte schon manchmal Papas
Füller ausgeliehen. Aber nicht heute. Heute steckte der Füller in Papas brauner
Jacke, die im Schrank hing. Pelle war vollkommen unschuldig. Und Papa, der ihn
so hart am Arm gepackt hatte? Und Mama? Sie hielt selbstverständlich zu Papa.
Das hört jetzt aber auf! Pelle hatte die Absicht umzuziehen.
Aber wohin? Er kann zur See gehen.
Das kann er. Auf das Meer, wo die großen Schiffe und die großen Wellen sind.
Dort kann man sterben. Dann können die zu Hause aber jammern. Er kann auch nach
Afrika fahren, wo wilde Löwen umherlaufen. Wenn Papa dann aus dem Büro nach
Hause kommt und wie immer fragt: "Wo ist mein kleiner Pelle?", dann
weint Mama und sagt: "Pelle ist von einem Löwen aufgefressen worden."
Ja, ja, so geht es, wenn man ungerecht ist!
Aber Afrika ist so weit fort. Pelle
würde gern etwas mehr in der Nähe bleiben, damit er sehen könnte, wie Papa und
Mama nach ihm weinen. Pelle beschließt deshalb, nach "Herzhausen" zu
ziehen- so nennen sie das kleine rote Häuschen unten im Hof mit dem Herz in der
Tür. Dort wird er hinziehen. Er fängt sofort an zu packen, seinen Ball, seine
Mundharmonika und "Max und Moritz". und dann ein Licht. Ja, in zwei
Tagen ist doch Weihnachten. Pelle will in Herzhausen Weihnachten feiern. Da
will er dann sein kleines Licht anzünden und "O du fröhliche, o du
selige" auf der Mundharmonika spielen. Das wird sehr traurig klingen, und
man wird es bis hinauf zu Mama und Papa hören können.
Pelle zieht sich seinen feinen,
hellblauen Mantel und die Handschuhe an und setzt die Ledermütze auf. Er nimmt
die große Papiertüte mit dem Ball und der Mundharmonika und dem Licht in die
eine Hand und "Max und Moritz" in die andere. Und dann geht er direkt
durch die Küche, damit Mama sehen kann, dass er jetzt umzieht. "Aber
Pelle, willst du schon ausgehen?", fragt Mama.
Pelle antwortet nicht. Ausgehen, ha!
Sie sollte nur wissen. Mama sieht, dass Pelle eine tiefe Falte auf der Stirn
hat, und dass seine Augen so dunkel sind.
"Pelle, Liebling, was hast du,
wo willst du hin?"
"Ich ziehe um!"
"Wohin denn?", fragt Mama.
"Nach Herzhausen", sagt
Pelle.
"Pelle, das kann doch nicht
dein Ernst sein! Wie lange willst du dort wohnen?"
"Immer", sagt Pelle und
legt die Hand auf den Türgriff. "Dann kann Papa ja jemand anders
beschuldigen, wenn sein alter Füllhalter wegkommt."
"Lieber guter Pelle", sagt
Mama und schlingt die Arme um ihn. "Willst du nicht doch bei uns bleiben?
Wir tun dir vielleicht manchmal unrecht, aber wir lieben dich doch so sehr - so
sehr."
Pelle zögert. Aber nur einen
Augenblick. Er schiebt Mamas Arm beiseite, wirft ihr einen letzten
vorwurfsvollen Blick zu und wandert davon. Mama steht am Esszimmerfenster und
sieht, wie eine kleine, hellblaue Gestalt hinter der Tür mit dem Herz
verschwindet. Eine halbe Stunde vergeht. Dann hört Mama einige schwache
Mundharmonikaklänge, die von Herzhausen herüberkIingen. Es ist Pelle, er spielt
"Nun ade, du mein lieb Heimatland".
Herzhausen ist ein richtig
gemütlicher Ort, findet Pelle. Für den Anfang jedenfalls. "Max und
Moritz" und den Ball und die Mundharmonika hat er so heimelig wie möglich
aufgestellt. Und in das Fenster hat er das kleine Licht gesetzt. Wie traurig
wird es dort stehen und am Weihnachtsabend leuchten, falls Papa und Mama zu ihm
hinuntersehen. Aus dem Esszimmerfenster.
Am Esszimmerfenster steht immer der
Weihnachtsbaum. Der Weihnachtsbaum, ach ja. Und - und - die
Weihnachtsgeschenke. Pelle schluckt. Nein, er hat nicht die Absicht,
irgendwelche Weihnachtsgeschenke von Leuten anzunehmen, die behaupten, dass er
Füllfederhalter stiehlt. Noch einmal spielt er "Nun ade, du mein lieb
Heimatland". Lang, sehr lang wird die Zeit in Herzhausen. Was mag Mama
jetzt machen? Papa muss inzwischen auch schon nach Hause gekommen sein. Pelle
würde so gern in die Wohnung hinaufgehen und sehen, ob sie sehr weinen. Aber es
ist schwer, einen Grund dafür zu finden. Dann hat er einen Einfall. Er öffnet
rasch den Riegel an der Tür und geht, nein, springt beinah über den Hof und die
Treppen hinauf. Mama ist in der Küche.
"Mama", sagt Pelle,
"wenn für mich vielleicht Weihnachtspostkarten ankommen sollten, willst du
dann dem Briefträger sagen, dass ich umgezogen bin?". Mama verspricht, es
zu tun. Pelle geht zögernd wieder zur Tür. Die Füße sind ihm wie Blei.
"Pelle", sagt Mama mit
ihrer weichen Stimme. "Pelle - aber was tun wir mit deinen
Weihnachtsgeschenken? Sollen wir die nach Herzhausen hinunterschicken, oder
kommst du herauf und holst sie?"
"Ich will keine
Weihnachtsgeschenke haben", sagt Pelle mit harter Stimme.
"Aber Pelle", sagt Mama.
"Das wird ja ein schrecklicher Weihnachtsabend. Kein Pelle, der die Kerzen
am Weihnachtsbaum anzündet, kein Pelle, der dem Weihnachtsmann die Tür aufmacht
. . . Alles, alles ohne Pelle . . ."
"Ihr könnt euch ja einen
anderen Jungen anschaffen", sagt Pelle mit zitternder Stimme.
"Nie im Leben!", ruft
Mama. "Pelle oder keinen! Es ist immer nur unser Pelle, den wir so lieb
haben."
"Ach so", sagt Pelle mit
noch mehr Zittern in der Stimme.
"Papa und ich, wir werden hier
herumsitzen und den ganzen Weihnachtsabend weinen. Wir werden nicht einmal die
Lichter anzünden. Wir werden nur weinen."
Da lehnt Pelle den Kopf an die
Küchentür und fängt an zu weinen, weint so herzzerreißend, so laut, so
durchdringend - so fürchterlich! Er hat so großes Mitleid mit Papa und Mama.
Und als Mama ihre Arme um ihn legt, drückt er sein Gesicht an ihren Hals und
weint noch mehr, so sehr, dass Mama ganz nass davon wird.
"Ich verzeihe euch", sagt
Pelle zwischen den Tränen.
"Danke, lieber Pelle",
sagt Mama.
Viele, viele Stunden später kommt
Papa aus dem Büro nach Hause und ruft wie immer bereits in der Diele: "Wo
ist mein kleiner Pelle?"
"Hier!", schreit Pelle und
wirft sich ihm in die Arme.
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Eine war eine Schande, dass Astrid Lindgren keinen
Literatur-Nobelpreis bekommen hat ... eine Schande für Schweden ...
Frohe Weihnacht ...