Freiwillige
der Internationalen Legion
Ausländische
Veteranen sind überrascht von der Brutalität im Ukraine-Krieg
Unter den
hunderten Freiwilligen an der Front hat es Ausländer, die schon in mehreren
Kriegen gekämpft haben – jenen in der Ukraine bezeichnen sie als den
Schlimmsten.
Tages-Anzeiger,
Publiziert heute um 11:34 Uhr
Sie haben in
Afghanistan oder dem Irak gekämpft, und dennoch sind viele freiwillige
ausländische Kämpfer von der Brutalität des Ukraine-Krieges schockiert.
«Manchmal sagen sie nach den ersten Gefechten: ‹Darauf sind wir nicht
vorbereitet›, und gehen nach Hause», sagt Polak. Er ist einer der Freiwilligen
und erzählt in einem Supermarktcafé im ostukrainischen Kramatorsk von seinen
Erfahrungen in der Internationalen Legion für die Verteidigung der Ukraine.
«Ehrlich
gesagt, gibt es ziemlich viele Feiglinge», sagt Polak, dessen
Staatsangehörigkeit zum seinem eigenen Schutz geheim bleiben soll. Er schätzt
die Zahl der ausländischen Kämpfer auf «vielleicht mehrere hundert». Für einen
Krieg mit Artilleriebeschuss seien sie offenbar nicht ausgebildet. Die Ukraine
gibt die Zahl der Freiwilligen mit rund 20’000 an, bislang kamen demnach
Kämpfer aus 52 Ländern ins Kriegsgebiet. Die Angaben können nicht unabhängig
überprüft werden.
Wie
gefährlich der freiwillige Einsatz ist, zeigten zuletzt Todesfälle eines
Deutschen, eines Niederländers, eines Franzosen und eines Australiers. Die
pro-russischen Separatisten verurteilten zudem zwei Briten und einen
Marokkaner, die für die Ukraine kämpften, zum Tode. Seit Beginn des Einmarsches
hätten die russischen Streitkräfte «hunderte» ausländische Kämpfer getötet,
erklärte Moskau Anfang Juni.
Der Sprecher
der Internationalen Legion, der Franzose Damien Magrou, räumt ein, dass die
ausländischen Kämpfer – viele von ihnen aus Nato-Staaten – von der Brutalität
der Kriegsführung überrascht seien. «Ein Amerikaner, der in sechs Kriegen
gekämpft hat, meinte zu mir, das sei das Schlimmste, was er je gesehen habe»,
berichtet der 33-Jährige. «Raketen, Bombardierungen – vor Ort ist es ganz
anders, als sie es vielleicht erwartet haben.»
Zwischen
zehn und 30 Prozent der Rekruten hätten bereits nach kurzer Zeit die Waffen
niedergelegt, sagt Magrou. «Fast alle Teilnehmer sind ehemalige Soldaten, ein
Drittel von ihnen kommt aus einem englischsprachigen Land.» Umgangssprache in
der Legion sei deshalb auch Englisch. Die übrigen kommen dem Sprecher zufolge
hauptsächlich aus Mittel- und Osteuropa.
Die Gründe
für den freiwilligen Kampfeinsatz sind verschieden. «Die Amerikaner kämpfen für
Freiheit und westliche Werte, während die Polen sagen, dass sie die Ukraine
verteidigen wollen, weil sie damit auch ihr Land verteidigen», sagt Magrou.
«Ich wollte
herkommen, nachdem ich die Bilder im Fernsehen gesehen habe», sagt Mika, ein
Deutscher, den die Nachrichtenagentur AFP in Charkiw interviewte. «Ich war bei
der Armee, und da dachte ich, ich könnte helfen. Wenn wir den Aggressor in der
Ukraine nicht aufhalten, wird er ein Land nach dem anderen überfallen.»
Mangelhafte
Ausrüstung und Organisation
Der
britische TV-Sender BBC konnte ein Trainingscamp der Legion besuchen und mit
einigen Freiwilligen sprechen. Ein Engländer sagt, er habe bei der Arbeit
entschieden, dass er helfen wolle und sei in die Ukraine gegangen. Er kämpft
schon seit mehreren Monaten, in seinem Bataillon sind bisher vier Mitstreiter
gestorben. «Dass wir hier sterben könnten, beschäftigt jeden hier», sagt er der
BBC-Reporterin. Er selber hat sich offenbar mit dieser Möglichkeit abgefunden.
«Wenn ich sterbe, während ich hier helfe, dann ist das so.»
Die BBC traf
Kämpfer aus Afrika, Südamerika oder Taiwan im Trainingscamp an. Sie geben an,
für die Demokratie und gegen den Diktator zu kämpfen sowie für die Freiheit und
Unabhängigkeit der Ukraine.
In
verschiedenen Medien ihrer Heimatländer berichten ausländische Kämpfer auch von
gröberen Problemen im Kriegsgebiet, die Offiziere wüssten teilweise nicht, was
sie mit den Freiwilligen anstellen sollen. Ausrüstung, Verpflegung und
Organisation seien mangelhaft und es gebe einzelne Kriminelle, die vor allem
zum Töten ins Kriegsgebiet gekommen sind, nicht zum helfen.
Für die
Ukraine ist vor allem an kampferprobten Veteranen in ihren Diensten
interessiert, wie ein General schon kurz nach Kriegsbeginn sagte. Die anderen
wüssten nicht genau, was sie erwarte und wollten nach der ersten Schlacht
wieder nach Hause.
Die
Freiwilligen der Legion unterzeichnen allerdings einen Vertrag mit den
ukrainischen Streitkräften und dienen unter deren Kommando. Es soll ihnen frei
stehen, jederzeit wieder zu gehen, wobei es auch Berichte gibt, dass die
Kämpfer die Ukraine gemäss Vertrag nicht mehr verlassen dürfen. Gemäss
Medienberichten erhalten die Freiwilligen zwischen 250 und 2500 Franken
monatlich für ihre Dienste, es sollen auch Söldner von privaten
Sicherheitsfirmen im Einsatz sein, die viel mehr verdienen.
Nicht alle
Freiwilligen werden in die Internationale Legion aufgenommen, sie kämpfen dann
in losen Verbänden, die der Ukraine zwar helfen, aber auch aufgrund der
fehlenden Organisation auch Probleme bringen können. Manch einem Freiwilligen
bringt der Einsatz in der Ukraine in seinem Heimatland Probleme. In Staaten wie
Italien oder Südkorea «riskiert man eine Klage», sagt Sprecher Magrou.
Grossbritannien, die USA und viele andere Staaten raten ihren Soldaten und
Veteranen explizit von der Teilnahme an dem Konflikt ab.
Legionssprecher
Magrou selbst hatte zwei Jahre in einer Kanzlei in Kiew gearbeitet, als
Russland die Ukraine angriff. Beim Interview in der Hauptstadt trägt er
Militäruniform und spricht Französisch. Als eine ältere Frau ihn so sieht,
winkt sie ihm zu. «Wir werden von der ukrainischen Zivilbevölkerung sehr
geschätzt», sagt Magrou. «Die Leute geben uns zu essen und bedanken sich für
unseren Einsatz.»
Lange
Tradition der Freiwilligen
Internationale
Legionen kamen schon in vielen Kriegen zum Einsatz. Die berühmteste war lange
die französische Fremdenlegion, welche 1831 gegründet wurde und hauptsächlich
in Frankreichs Kolonialkriegen eingesetzt wurde. Derzeit sind Teile der rund
10.000 Soldaten starken Truppe in Afghanistan oder der Sahelzone stationiert.
Schon zuvor
waren beispielsweise im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg Freiwillige aus dem
Ausland involviert. Die Revolutionäre erhielten beispielsweise Unterstützung
von Deutschen, Franzosen oder Polen.
Im ersten
Weltkrieg formierten sich ebenfalls Freiwillige, mehrheitlich Amerikaner, die
schon vor dem Kriegseintritt der USA in Europa mitkämpften. Im zweiten
Weltkrieg erhielten beide Seiten internationale Unterstützung, in der deutschen
Wehrmacht waren je nach Quellenangabe mehrere hunderttausend ausländische Kämpfer
integriert.
Die
Schweizer Söldner kämpften dagegen hunderte Jahre lang vor allem in fremden
Diensten, um Geld zu verdienen. Vor allem im 16. und 17. Jahrhundert war das
für Militärunternehmen ein lukratives Geschäft, die Dienste waren gefragt und
die Eidgenossen gefürchtet. Nach dem «Bruderkampf» von 1709 änderte sich die
Einstellung im Land allerdings. In der Schlacht von Malplaquet kämpften auf
beiden Seiten Schweizer und 8000 von ihnen kamen dabei ums Leben.
Der Dienst
war auch aufgrund der Verdienstmöglichkeiten in der Industrialisierung bald
weniger beliebt, die Profite der Unternehmen sanken und 1859 wurde das
Söldnerwesen schliesslich verboten. Bis heute dürfen Schweizer nicht in den
Dienst einer fremden Armee treten, Ausnahmen gelten nur für Doppelbürger.
anf/AFP