Klaus
Wagner, Intendant des Stadttheaters in Heilbronn (1987)
Der Theatermann verabscheut Hinterfotzigkeit
Von
Jürgen Dieter Ueckert
„Wer
sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin.“ – Eine Sprichwort-Abwandlung, die
als Motto auf dem Heilbronner Theater-Intendanten
Klaus Wagner durchaus zutreffen könnte. Denn er löckt nicht nur wider den
Stachel, er benötigt die Unruhe wie der Fisch das Wasser zum Leben.
Das
größte Unglück für Wagner wäre, „nichts tun zu können“. Und als
Hauptcharakterzug erkennt er bei sich „Beharrungsvermögen“. Helden in der
Wirklichkeit sind für ihn „alle Unbeirrbaren“, als Heldinnen in der Geschichte
bezeichnet Wagner „die stolzen Gescheiterten“. Dem widerspricht auch nicht,
dass er als natürliche Gabe „Menschenkenntnis“ besitzen möchte. Klaus Wagners
Traum vom Glück ist „Wechsel mit immer neuer Intensität“. Und was wäre für den
Heilbronner Intendanten das größte Unglück? Wagners lapidare Antwort:
„Langeweile“.
Heilbronns
Bürger und Stadtverwaltung kennen ihren Intendanten als einen Mann, der zumeist
am schmalen Kraterrand seiner Theaterexistenz balancierend entlang wandert –
zum Stauen und Wundern des gaffenden Publikums. Und sieht es mal so aus, als
strauchle er, kippe ab in den allesverschlingenden Abgrund, begleitet von
vielen „Ohs“ und Ahs“, dann wird eine akrobatische Figur gezaubert, teilweise
mit einer clownesken Haltung garniert – und schon ist alles wieder im Lot.
Alle,
die schon hofften, oder sich sogar wünschten, Klaus Wagner würde stürzen, sind
ebenso erstaunt wie das ob Wagners Beweglichkeit begeisterte Publikum. In
Heilbronn wird, wenn’s ums Theater geht, auf allen Ebenen gespielt.
Klaus
Wagner, dessen Lieblingsfarbe „Weiß“ ist, der sich recht bescheiden „das
Gänseblümchen“ zur Lieblingsblume erkor, der sich als Lieblingsschriftsteller
Henry Miller wählte, deren Lieblingsnamen „Madeleine und Michael“ lauten, der
„Tapferkeit“ zu seiner Lieblingstugend zählt – für diesen Mann gibt es
selbstverständlich nur eine Lieblingsbeschäftigung: „Theater machen.“
In
Frankfurt am Main wurde Klaus Wagner am 5.Mai 1930 als Sohn eines Kaufmanns,
der „aus dem Nest gefallen war“, geboren. Aus dem Nest deshalb, weil der Vater
aus einer Pfarrfamilie stammt. Als der kleine Klaus acht Jahre zählte, wurde
der Vater von den Nazis abgeholt. „Eineinhalb Stunden ließ der
Zwei-Zentner-Mann seine Schergen warten, um sich ordentlich anzuziehen und gut
zu frühstücken. Der Vater wusste, dass es Jahre dauern würde, ehe er seine
Familie wiedersehen würde. 1945 kam er aus dem Konzentrationslager zurück – der
Mann wog noch fünfzig Kilo.“ – Unkontrollierte Macht ist Klaus Wagner seither
ein Gräuel.
In
Franfurt lebte der Knabe Klaus nur eineinhalb Jahre. Die einzige Erinnerung an
diese Zeit: eine Krankheitsgeschichte. Er litt ein dreiviertel Jahr an
Kinderlähmung. Aufgewachsen ist Wagner dann in Trostberg, einer kleinen
oberbayrischen Stadt am Chiemsee. Die Großeltern mütterlicherseits besaßen dort
ein alteingesessenes Textilgeschäft. Die Mutter Klaus Wagners führte es nach
dem Tod des Großvaters weiter.
An
die Schulzeit erinnert sich der Fahrschüler Wagner, der allmorgendlich mit dem
Zug nach Traunstein ins Gymnasium anreiste ins Gymnasium anreiste, mit dem
Stichwort „Ausnahmesituation“. Da das Schulhaus im Krieg Lazarett war, wurde
der Unterricht in Hinterzimmern von Gasthöfen angehalten. „Lernstress gab es
nicht, nur das Phänomen, dass jemand nicht mitkam. Ich habe zum Beispiel die
Pose gehabt, nicht von Mathematik zu verstehen. Wir hatten einen Lehrer, der
uns das Fach als geistiges Phänomen begreifen ließ.“
Mit
seinen Lehrern habe er überhaupt insgesamt Glück gehabt, erinnert sich Klaus
Wagner heute. Fasziniert habe ihn immer wieder die „Begegnung mit Geist“ –
Stichwort: „Parallelen treffen sich im unendlichen.“ Der katholische
Geistliche, ein sommersprossiger, rothaariger und lispelnder Lehrer, „das
Schlimmste für Kinder“, wurde mit „HJ-Gedanken“ bedroht: „Wenn er nicht macht,
was uns gefällt, sagten wir Schüler, dann treten wir aus dem Fach Religion
aus.“ Erfolg: Man lernt in den Religionsstunden das Hobby des Priesters kennen;
die Sternwarte, das Fotografieren des Himmels, die Erklärung des Makrokosmos,
den auseinanderbrechenden Raum.
Kriegszeit
war für den Jugendlichen Klaus Wagner „Friedenszeit“ – ohne Bomben und
Kriegsgräuel. Die Familie lebte im geistigen Widerstand zum Naziregime. Das
Geschäft der Mutter wurde teilweise boykottiert, weil der Vater im KZ saß.
Onkel Walter war Bankdirektor und „von kommunistischer Gesinnung“. Der
Postbote, „Herr Sachs“, gehörte zur „kleinen Verschwörung“, trommelte bei den
Wagners immer die ersten Takte der Fünften von Beethoven an die Haustür. Die
Wagners waren eben anderer Meinung und hatten daher immer etwas zu verbergen –
von der Nazi-Staatsgewalt.
„Mit
elf Jahren spielte ich erstmals den Faust – mit fünf Pfund schminke im
Gesicht.“ Theater habe er gemacht und nebenbei sei er zur Schule gegangen.
Clavigo und Egmont spielte schon der 16- und 17-jährige Klaus Wagner. Seine
kleine Schüler-Schauspieltruppe trat vor den Nazis mit solchen
Durchhaltestücken auf, die später von den Amis als Freiheitsdramen geboten
wurden – und verdiente dabei eine Menge Geld. Viertausend Mark hatte die
Wagner-Truppe erspielt und avancierte damit zum Wohltäter ihrer Schule, der man
mit dem Geld eine Berghütte kaufte.
Nach
dem Abitur im Jahre 1949 musste Klaus Wagner aus seinen Studienplatz in München
warten. Drei Semester lang brachte er die Unibibliothek in Ordnung. Bei Arthur
Kutscher studierte er dann Theaterwissenschaften – nebenbei auch noch
Kunstgeschichte. Studienkollegen von Wagner in München waren Günter Gaus,
August Everding und Peter Hackst – zum Beispiel. Gaus habe damals große
politische Manifeste von sich gegeben. Die Studenten hätten in dieser Stunde
Null gedacht, alles tue sich von selbst neu – „wir brauchen nichts tun“. Später
sei man dann frustriert gewesen, weil nicht alles in der Nachkriegszeit so
gelaufen sei, wie man es sich erdacht habe.
Klaus
Wagner hielt es im Unibetrieb nicht lange aus. „Ich hatte eine brennende
Energie; wollte raus und was tun.“ Staatsexamen und Promotion ließ er
dahinfahren. Im Frankfurter „Theater im Zoo“ wurde er bei Fritz Rémond „Mädchen
für alles“. Regieassistent, Inspizient und Kleindarsteller. Von 1951 bis 54
lernte Wagner in diesem Haus eine Theater-Atmosphäre kennen, in der nur die
„zupackende Verbindung zwischen Theater und der Zuschauern“ zählte. Rémond
brachte Schauspiel an die Leute, in dem das Flair zählte. Eine Aussage ohne
theatralische Mittel war eben keine –
punktum. Auch die negativen Seiten dieser Arbeit lernte Klaus Wagner kennen:
„Aber im Rückblick ist mir das lieber als eine keimfreie Atmosphäre.“
Seit
dem Jahre 1953 ist Klaus Wagner als Regisseur tätig: „Ich habe Rémond erpresst.
Er war auf Sylt. Ich sagte ihm, wenn ich nicht inszenieren darf, dann gehe ich
– sofort. Er sagte mir: wenn du bleibst darfst du inszenieren.“ Die erste
Arbeit war eine deutsche Erstaufführung „Labyrinth“ – ein Stück über ein
Irrenhaus. Und danach inszenierte er „furchtbar viel Shakespeare“ und mit Boy
Gobert zum Beispiel „Einladung ins schloss“. Klaus Wagner wurde herumgereicht
als junger und begabter Regisseur in Essen, Hamburg, Bern, Basel, Baden-Baden –
und erhielt begehrte Kritiker-Preise.
In
Bremen wurde er dann Oberspielleiter am Schauspiel und kündigte nach acht
Monaten wegen eines Krachs mit dem Intendanten den Vertrag. In Bern dauerte das
Engagement in gleicher Position von 1956 bis1958. 1954 schon begann Klaus
Wagners Wanderzeit als Gastregisseur: „Das war Flucht. Das sucht man sich nicht
aus.“ Seit 1959 inszeniert er Fernsehspiele.
Für „Das Betriebsfest“, das Wagner für den NDR gemacht hatte, erhielt er
den begehrten Grimme-Preis. Später arbeitete er viel für den hessischen
Rundfunk, den NDR, die Bavaria und das ZDF. „Ich habe das mit Professionalität
gemacht. Und das war damals fürs Theater verdächtig.“ Theater und Fernsehen
standen sich in jenen Jahren noch als feindliche Medien gegenüber.
„Ein
Privatleben gab es in dieser Zeit kaum, wenn dann nur im Theater oder gar
nicht.“ Kinder hat Klaus Wagner nicht. Verheiratet ist er mit der Schauspielerin
Madeleine Lienhardt – in zweiter Ehe. Seine „private Häuslichkeit“ liegt im
Hunsrück. „Ich konnte mir damals kein Hemd leisten, aber ein Haus musste es
sein – ein 300 Jahre altes Weingut. Ich sehe den Bau gerne wachsen – und
renovierte heute noch viel. Ein Stück Heimatlichkeit ist das – es kommt aus
meinem Sternzeichen Stier und seiner Tendenz, das zu bewahren.“
Heilbronn
war für Klaus Wagner ein Zufall. „Ich hatte betrieben, Intendant zu werden -
Heilbronn war eine Möglichkeit. Gereizt haben mich die Voraussetzungen, die ja
nicht berechenbar waren.“ Nach seiner Wahl durch den Gemeinderat der Stadt im
Juli 1979 gab der frischgebackene Intendant Klaus Wagner in einem Interview zu
Protokoll: „Bisher habe ich immer gesagt, ich habe die drei Wohnzimmer: das
eine ist das Auto, das zweite ist das Café am Nachmittag und das dritte ist die
Wirtschaft am Abend, in der man sitzt. Das wird jetzt anders werden. Darauf
freue ich mich.“ Zu Hause in Heilbronn - das ist das Theater und eine kleine
Wohnung, nahe dem Berliner Platz.
Nach
rund zwei jähren in den Heilbronner Theater-Provisorien „Gewerkschaftshaus“ und
„Altre Kelter“, in denen Klaus Wagner schon vorstellte, was er im neuen
Theaterbau am Berliner Platz verwirklichen
wollte, verwandelte der Intendant ab dem 16. November 1982 den Neubau in
einen Hexenkessel. Er probierte alles aus, testete das Publikum auf seine
Belastbarkeit – niemals attackierend, sondern umsichtig und vorsichtig bohrend.
Sein Schlagwort: „Vielfalt und Überraschung.“ Der Aufbau des „Vollbetriebs“ war
für Klaus Wagner Herausforderung – und wurde ein großer Erfolg.
Auch
zurzeit befindet er sich wieder „in einer fast beneidenswerten Situation, von
der man eher Angst haben muss, dass es auch so weitergeht.“ Die
Abonnentenzahlen steigen, die Zuschauer reißen sich um Karten – die Abstimmung
über den erfolg findet für ihn allabendlich an der Theaterkasse statt, nicht in
denn Bürokraten- oder Kritikerstuben.
Eine
„Grundvoraussetzung für den Erfolg“ ist für Wagner das funktionierende
Schauspiel. Daran und an allen anderen Planungen arbeitet er mit dem kleinen
Ensemble von knapp dreißig schauspielern – Tag und Nacht. Bei seinem Ensemble
soll der Grundsatz gelten: Originalität und ihre Irritierbarkeit müssen
Qualität erbringen, nicht die Gesichertheit engagiert zu sein. „Das heißt dann
auch, wenn nach sieben Vorstellungen etwas nicht stimmt, dann lass ich das
nicht durchgehen, sondern setze neue Proben an.“
Fehler
entschuldigt der Intendant, wenn sie „aus Dummheit“ geschehen. Am meisten
verabscheut er „Hinterfotzigkeit“. Geschichtliche Gestalten, „die nichts
verkörpern als sich selbst“, verachtet er. „Geordnete Rückzüge“ sind
militärische Leistungen, die Klaus Wagner am meisten bewundert. Das vollkommen
irdische Glück für ihn „gibt es nicht, Gott sei Dank“. Seine Geistesverfassung
derzeit ist „wach und tätig“. Und sein Motto lautet: „Weitermachen.“
Neckar-Express, Donnerstag, 24.
September 1987
Rhein-Neckar-Zeitung, Samstag, 26. September
1987