Freitag, 10. Juni 2022

09.06.2022 - Aufklärer

 "Ermordung" des Aufklärers Voltaire

Im Jahr 1717 wurde Voltaire, damals 23, erstmals in die Bas­tille gesteckt. Ins Gefängnis hatten ihn eine Satire und ein Geständnis gebracht. Er war der Verfasser eines Gedichts über das Gerücht, Philippe von Orléans, der kurzfristig regierende Bruder des verstorbenen Sonnenkönigs, habe mit seiner Tochter ein Kind gezeugt. Seine Urheberschaft hatte er geleugnet, zur Strafe wurde er in die Verbannung geschickt. Nach seiner Rückkehr gab er sich doch als Verfasser zu erkennen. Während der zehn Monate dauernden Haft schrieb er „Ödipus“, das Stück zum spöttischen Gedicht, das die Comédie Française mit großem Erfolg aufführte.

In seinem Erstling verarbeitete der als Sohn eines Notars geborene François-Marie Arouet auch die Zweifel an seiner eigenen Herkunft. Fortan nannte er sich Voltaire, und inzwischen wird ein ganzes Jahrhundert nach ihm benannt. Er kämpfte für die Meinungsfreiheit auch der Andersdenkenden und ging dafür große Risiken ein – der zweite Aufenthalt in der Bastille fiel immerhin kürzer aus. Unerschrocken kritisierte er den Fanatismus der Religionen. In Paris wurde ihm 1778 ein katholisches Begräbnis verweigert und der mumifizierte Leichnam – ohne Herz und Hirn – in seine Wahlheimat Genf geschickt, aber schon auf halbem Weg erstmals begraben. Die Revolutionäre holten seine sterblichen Überreste nach dem Sturm auf die Bastille ins Pantheon.

Heute verfolgen ihn die neuen Revolutionäre schlimmer als einst die Katholiken. Seit dreißig Jahren verhindern die Islamisten die Aufführung seines Stücks „Mahomet der Prophet“. In der arabischen Welt ist Voltaire ein Feindbild wie „Charlie Hebdo“. Er hatte vom Sklavenhandel profitiert und die rassistischen Vorurteile seiner Epoche geteilt – aber im Laufe seines Lebens und Denkens überwunden. Auch die mutige Anklage des sexuellen Missbrauchs der eigenen Tochter durch den absolutistischen Herrscher wurde in keiner Weise als mildernder Umstand honoriert, als die „Intersektionalität“ von Me­Too, der Islamisten und Antirassisten bei den „Black Lives Matter“-De­monstrationen zur symbolischen Ermordung des Aufklärers schritt. Vollzogen wurde sie als Farbanschlag auf seine Statue in der Nähe der Académie Française.

FAZ

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