Samstag, 12. November 2022

12.11.2022 - Achim Plato

Achim Plato gestorben

Achim Plato war in Dresden-Riesa am 3. März 1936 geboren. Als 17 jähriger Jugendlicher war Plato zwei Jahre als Jugendhaft in Dessau inhaftierte- als politischer Verfolgungter der Stasi, wie er erzählte.

Nach seiner DDR-Flucht 1955 besuchte er in Stuttgart die Schauspiel-Schule. Danach nahm er Engagements als Schauspieler an. 1960 kam er so nach Schwäbisch Hall, und 1963 arbeitete er dort als Regieassistent des Freilichtspiel-Intendanten Wilhelm Speidel. Nach Speidels Tod 1968 ernannte ihn das Freilichtspielkuratorium zunächst zum künstlerischen Treuhänder, 1973 zum künstlerischen Leiter und 1978 zum Intendanten.

Achim Plato war 2003 mit 35 Jahren der dienstälteste künstlerische Leiter und machte sie zu den mit erfolgreichsten Freilichtspielen in Deutschland.

Für seine Arbeit erhielt er durch regelmäßige Einladungen zu Gastspiele, nach Wiltz in Luxemburg und nach Lichtensteig in der Schweiz, auch im deutschsprachigen Ausland sehr viel Anerkennung.

Nach seiner Pensionierung zog er im Jahre 2003 nach Dresden. 

 Am 30. Oktober 2022 starb Plato in Dresden als 86jährig.

Erinnerung …Portrait im Jahre 1978...

Das Portrait - Achim Plato

Zehn Jahre Theater-Leiter der Freilichtspiele Schwäbisch Hall

Für Achim Plato liegt das Erlebnis Theater und seine Fortsetzung im Beruf des alltäglichen Lebens in der Kindheit begründet. Genauer gesagt – in einem „Erlebnis, das ein Keim für meine Theaterleidenschaft war“. Die Heimatstadt Dresden lag in Schutt und Asche. Das ehemalige „Komödienhaus“ war nur dank der Einrichtung von Bretterwänden bespielbar.

Weihnachten 1945 stand von der Tür. Man spielte ein Märchenstück „Blinke Blitzchen“. Vermummt in dicke Schaals, Wollmützen und Mäntel saßen Kinder und Erwachsene in diesem Theater-Provisorium.

„Aber als der Vorhang sich öffnete und ein hellerleuchtete Himmel sichtbar, waren für mich und die Mit-Zuschauer die trostlosen Ruinen-Trümmerhaufen in Dresden vergessen.“ Erinnert sich Achim Plato heute.

Nach seinem ersten unvergesslichen Theatererlebnis gingen er und seine Tante nach Hause. Die Stromsperre hatte eingesetzt. „Und trotzdem feierten wir Weihnachten - aber die sächsische. Und die war und sind besonders schön.“

Achim Plato ist der erstgeborene Sohn eine Kaufmanns. Zur Welt kam er 8. März 1936 in Riesa, einem Vorort von Dresden. Noch in wacher Erinnerung sind ihm die Ereignisse der grauenhaften Zerstörung der sächsischen Metropolen.

„Die Nachmittagsangriff am 13. Februar 1945 erlebten meine Mutter, mein sechs jüngere Bruder und ich im bei einem Spaziergang. Wir konnten uns in einem Luftschutzbunker retten. Ein Onkel von mir holte zum Abend in sein Haus in Plauen, einem Vorort auf der Höhe auf der Anhöhe um Dresden. Und von dort aus sah ich den Nachtangriff aus Dresden, der völligen Zerstörung meiner Heimatstadt.“

Feuerwerke sind für Achim Plato ein Gräuel: „Ich empfinde keine Freude dabei – ich erinnere mich jedes Mal an diese schreckliche in Dresden.“

Im Jahre 1942 war Achim Plato eingeschult worden. Später besuchte er in Dresden das Humanistische Gymnasium. Erinnerungen aus der Kinderzeit in Ruinen? „Ich sah auch die poetischen Seiten dieser Trümmer. Als Kind spielte ich viel in diesen Ruinen. Als Jugendlicher habe ich eine Menge Zeichnungen von den Dresdener Ruinen angefertigt.“

Die verhasste Besetzungsmacht in Dresden – die Russen? „Die Besatzungsmacht, die Russen, ist mir eigentlich nur in guter Erinnerung geblieben. Sie war sehr kinderlieb. Wir haben oftmals ganze Eimer voller Erbsensuppe nach Hause geschleppt, die wir von den russischen Soldaten geschenkt haben.“

Ein anderes Ergebnis diese Kinder-Kriegsgeneration: „Ich wuchs praktisch ohne Vater auf. Als der Krieg begann, war ich drei Jahre alt. 1945, beim Kriegsende war ich neun geworden. 1949 erst kam mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Da war ich 14 Jahre alt.“

„Was mir als Jugendlicher besonders auffiel, das war, dass meine Eltern unter großen Entbehrungen für die Familie sorgten. Meine Mutter fuhr tagsüber oft mit ihrem Rad auf das Land, arbeitete hart bei den Bauern, um am Abend mit zwei Liter Milch heimzukehren.“ Und sein Vater fuhr mit seinem Fahrrad „hamstern“. Man nannte das damals, damit die Familie das Notwendige zum Essen hatte.

In die Bundesrepublik, in den „goldenen Westen“ seines Vaterlands Deutschland, zog Achim Plato 1955 – besser gesagt: er „floh“. Nicht aus Abenteuerlust trieb den jungen 19 jährigen Mann, sondern politische Verfolgung - er saß zwei Jahre in Dessau in Jugendhaft – und in verschiedenen Stasi-Gefängnissen eingesperrt.

Warum er Stuttgart nach seiner Flucht nach West-Berlin als Zielort angab, als man ihn im Berliner Flüchtlingslager fragte, wohin er wolle - das kann Achim Plato heute nicht mit Bestimmtheit sagen. „Ich wusste nur, dass in Stuttgart dort viele Verlagshäuser sind, Dichter wohnen, gutes Theater gespielt wird.“

Nach Aufenthalten in diversen Flüchtlingslagern in Baden-Württemberg landete er nach Esslingen - und arbeitete als Flaschner- und Installateur-Gehilfe. Aber es stellte sich bald heraus, „das war nichts für mich“. Der nächste Beruf war für ihn kaufmännischer Angestellter. „Danach war ich Versandleiter in einer Firma für Krankenhaus-Bedarfsartikel. In dieser Zeit lernte ich das Land kennen, durch die Fahrten von Krankenhaus zu Krankenhaus.“

Neben der täglichen Arbeit besuchte Plato am Abend die Schauspielschule. Er erhielt in dieser Privat-Schule Unterricht von den bekannten Schauspielern Erich Ponto und Lilo Barth. 1961 kam seine Schauspielprüfung in Stuttgart, die er bestand. Die erste Rolle bekam er noch während der Schauspiel-Zeit in der „Theater der Altstadt“ bei Elisabeth Justin.

Für den jungen Schauspieler Achim Plato gab es Engagements am Jungen Theater Göttingen, am Staatstheater Darmstadt, am Stadttheater Ingolstadt und am Pfalztheater Kaiserslautern. Dort durchforstete er die gesamte Sparte „Schauspiel“: Operette, Musical, Liebhaber- und Komiker-Rollen. Nebenher gab es auch schon kleine Rollen im Fernsehen.

1962 kam er, der „Musterschüler Lilo Barths in Stuttgart“ nach Schwäbisch Hall zu den Freilichtspielen – bei Intendant Wilhelm Speidel. Als Regieassistent und Schauspieler war er engagiert. Und seitdem ist Achim Plato in jedem Sommer bei den Haller Treppen-Spielen mit dabei.

In den letzten vier Jahren im Leben des Speidels war persönlicher Referent des Intendanten. „Ich hatte das Geld zu verwalten, Verträge im kleinen Ausmaße abzuschließen.“ Regiearbeit lernte Plato bei Wilhelm Speidel und bei Ludwig Berger, einem Regisseur aus dem Berlin der zwanziger Jahre, der in der Emigration in Hollywood Filmregisseur war.

„Ludwig Berger war ein Shakespeare-Forscher, ein Mann von ungeheurer geistiger Disziplin. Wenn ich ihn in seinen letzten Jahren besuchte, gab es nach dem Abendessen eine Regie-Aufgabe. Irgendeine Shakespare-Szene musste gelöst werden. Das Ergebnis war beim Frühstück vorzulegen. Bei Ludwig Berger lernte ich die theoretische Seite der Schauspiel-Regie ausführlich, bei Wilhelm Speidel die praktische Seite für die Treppe.“

Nach Wilhelm Speidels Tod 1968 wurde Achim Plato zunächst „künstlerischer Treuhändler“, später dann 1973 „Künstlerischer Leiter“ der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. Plato bearbeitete zunächst den „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal - und später das „Salzburger große Welttheater“. Bei beiden Schauspielen führte er auch Regie.

Achim Platos Regiearbeiten auf der Treppe: „Weibervolksversammlung“ (Aristophanes), „Die lustigen Weiber von Windsor“ (Shakespeare) und „Die Räuber“ (Schiller). Wenn die Festspiele vorüber sind, dann inszeniert Plato in den Normal-Spielzeiten der deutschen Theaters an anderen Bühnen, so zum Bespiel in Bregenz, Göttingen oder Marburg. Häufig tritt er im deutschen Fernsehen als Schauspieler auf. Und über vier Jahre hinweg leitete auch eine Theatertruppe in der Jugendstrafanstalt Hall.

Rückblick auf zehn Jahren Theaterarbeit mit der Haller Treppe – Achim Plato wird ideologisch: „Wir haben die Treppe in ihrem Lebensraum gesehen, der Marktplatz, die alten Häuser und das Barock-Rathaus. Hier spielten sich in den Jahrhunderten Tragödien und Komödien ab. Bettler lungerten auf der Treppe, das Volk ging die Treppe zum Sakralbau hinauf.“

Achim Platos Logik daraus: „Wir wollten nach Wilhelm Speidel auch zeigen, dass man auch wieder die Treppe hinuntergehen kann, in unsere alltägliche Welt. Das Konzept, auch Komödien zu zeigen, modernes Theater von Brecht, Dürrenmatt und Sartre, das hat sich bewährt.“

Platos Fazit nach achtzehn Jahre Treppen-Spiel in Schwäbisch Hall: „Hätten wir die Öffnung der Freilichtspiele nicht gemacht, der Spielplan wäre erstarrt. Gastregisseure wie Kurt Hübner und Kai Braak haben ihre besonderen Handschriften auf der Treppe eingemeißelt.“

Jürgen Dieter Ueckert

10. August 1978 / Neckar Express + Rhein-Neckar-Zeitung

 

 

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