Mittwoch, 23. November 2022

23.11.2022 - 40 Jahre Stadtheater-Neubau Heilbronn - "Mephisto"

„Mephisto“ und „Sturm im Wasserglas“ am Stadttheater Heilbronn

Kaum Vielfalt und Überraschung     

Von Jürgen Dieter Ueckert

Eine Serie von nicht weniger als fünf Eröffnungspre­mieren ließ der Intendant des Heilbronner Theaters seit dem 16. November herausbringen. Er hat damit im Ganzen nicht nur sein Ensemble überstrapaziert, son­dern sich auch noch die Schelte vieler Beobachter ein­gehandelt. Jetzt - so ist zu hoffen - sollte in Heilbronn, nach der hektischen Anfangszeit, im neuen Theaterbau erst einmal wieder Ruhe einkehren. Die letzten Premie­ren, das waren Bruno Franks „Sturm im Wasserglas"’ und vor allem der „Mephisto", den das tschechische Team Jaroslav Gillar und Jiri Kothar erarbeitet hatte.

Die Wellen, die der erste Sturm am Heilbronner Stadt­theater nach der Eröffnungspre­miere vor rund drei Wochen verursacht hatte, schlagen in der Bevölkerung immer noch hoch. Waren doch die festlichen Empfänge nach den ersten Pre­mieren nur für Honoratioren aus Staat und Gesellschaft gegeben worden. Das Ensemble und die Technik blieben vor der Tür und darob recht sauer.

Tage danach gab es für sie Spenden in Form von Weinflaschen. Einige Firmen und Verbände arran­gierten auch kleine Empfänge für die Theaterangehörigen, die oft ebenso peinlich wirkten wie die städtische Ignoranz bei der Eröffnungspremiere. Aber das Klima im neuen Haus in Heilbronn bleibt schlecht. Davon zeugen nicht nur die vielen Überstunden der Technik und die herausgepeitschten Premieren; diesen Zustand signalisiert auch die Theaterleitung, die zu den Vorkommnissen schweigt, ebenso vielsagend wie die Stadt; Heilbronn es tut.

Nach der unruhigen Zeit der Eröffnung des ,,67-Millionen- Spektakels" - so teuer war der Bau insgesamt - ist die Ruhe zur Selbstbesinnung wahrlich von­nöten. Wenn eine derart große Anzahl von Kräften wie ange­kündigt Haus und Ensemble verlassen, so muß zur nächsten Spielzeit nahezu von vorn begonnen werden. Aber auch das dürfte einbindbar sein in das Motto des Intendanten, was da lautet „Vielfalt und Überra­schung".

Keine Überraschung, sondern eine in Heilbronn altbekannte Spielweise wurde zur Eröffnung des neuen Kammertheaters geboten. Nicht nur im dafür vorge­sehenen viereckigen Raum, einem schuhkartonähnlichen Gebilde, bot man Mnouchkines; „Mephisto" - sozusagen als  Beiprogramm zum Goethes Faust im Großen Haus sondern auch der Eingangsbereich, das kleine Foyer und Seitenbe­reiche der Studiobühne wurden als Spielfläche benutzt. Raum­theater, wie schon in der Provisoriumsbühne, der Alten Kelter. Nur mit dem Unterschied, daß im „Mephisto" das Publikum in der Mitte saß, die Spielflächen teilweise im Rücken der Zu­schauer dank mächtiger Säulen uneinsehbar waren und so die Szenenfolge streckenweise nur als Hörspiel verabreicht wurde.

Nachdem nun der Klaus- Mann-Roman „einer Karriere" wieder im Buchhandel erschienen, die Mnouchkine-Adaption des „Mephisto" fürs Theater auch in deutscher Fassung vorgelegt worden und der Film mit gleichem Titel von Istvan Szabo, dem Ungarn, schon wieder in der Versenkung verschwunden ist, in den letzten zwei Jahren dazuhin das Verhältnis von Gustaf Gründgens und Klaus Mann, den einst verschwägerten Freunden, in vielen Publikationen ausführlich dargelegt wurde, fragt man sich doch un­willkürlich: was soll dieses Faust-Beiprogramm in Heilbronn bewirken?

Eroberung der Provinz? In Heilbronn soll - laut Theater-Zeitung - die Geschichte einer Karriere erzählt, die Problematik des Opportunismus vermittelt werden. Um dieses selbst­gesteckte, schlichte Ziel zu er­reichen, wird die Geschichte märchenhaft erzählt. Ein Stationenstück in Heilbronn, in dem die artistische Eleganz der!

Mnouchkine-Aufführungen fehlte eine Inszenierung, die nichts von der kühlen Beschreibung der Stuttgarter Regiearbeit von Hansgünther Heyme hat, in der die Nervosität der Zeit in differenzierten Menschenschilderungen geboten worden war. Jaroslav Gillars Regieleistung war gefällig und damit der erste relative Erfolg des Heilbronner Theaters - re­lativ unter den vier Eröffnungsstücken, das Kindertheater einmal ausgenommen.

Größter Nachteil dieser Insze­nierung: das Bühnenbild, die Aufteilung des Raumes verpflichtet geradezu, das Stück vom Kammertheater ins große! Haus umzusetzen. Nicht nur, weil die Zuschauer teilweise nichts zu sehen bekommen, sondern weil die vielen Statio­nen im „Mephisto" Raum ver­langen. Zum Beispiel eine Bühne auf der Bühne, Nischen für die privaten Szenen. Und dieser Raum ist in der niederen Kam­merbühne Heilbronns nicht ge­geben.

Die Geschichte von Hendrik Höfgen, dem Karrieristen, be­ginnt in Hamburg als flatterhaf­tes Spiel eines Salonkommunisten, pendelnd zwischen dem bürgerlichen Theater und der Kabarettbühne - aber immer mit dem Blick auch in die Reichshauptstadt: „Mein Gott, wann werde ich den Zug nach Berlin nehmen?"

Die Sehn­sucht, die Enge der Provinz hin­ter sich zu lassen. Und als er es dann geschafft hat, große Rollen zu spielen, Filme zu drehen, Opernregie zu führen, Ehe­mann einer Tochter des be­rühmtesten Dichterfürsten Deutschlands zu werden, holt ihn sein unbürgerliches Ham­burger Leben ein. Juliette, eine farbige Tänzerin, ist in Heil­bronn ein blonder Travestiestar, ein Transvestit, von jenem Schauspieler dargeboten, der auch den Sebastian, die Klaus- Mann-Person im „Mephisto" zu spielen hat. Diese Doppeibesetzung wirkt aus der Schlüssellochgucker-Perspektive vielversprechend, interessant.

Aber sie bringt das Stück ins Wan­ken. Allein der optische Reiz erklärt nichts; und von einer Dra­maturgie wurde nicht verbindend nachgefaßt. Konnte es ja auch nicht, denn es gab keine Dramaturgie für diese Inszenie­rung.

Shownummern winden dafür; umso heftiger mit hopsenden Ballettmädchen breitgetanzt; man singt ein wenig, spielt clownesk kleine Sketche und läßt schließlich den neuen Na­zi-Intendanten nach der Macht­übernahme als gewichtigen Fettkloß auftreten, in einem Thronsessel sitzend, zu dem ein roter Teppich führt, flankiert von meterlangen Hakenkreuzfah­nen. Hans Miklas, der Nazi-Schauspieler, die verirrte jugendliche Stürmer- und Dränger-Natur, soll als Denunziant als „Sittenminister" der neuen Schauspielführung engagiert werden. Aber Miklas macht nicht mit: „Ich suche meine Feinde nicht im Bett auf und nicht auf dem Topf."

Jaroslav Gillar, der Regisseur, ließ Geschichtchen von Schau­spielern ablaufen, versuchte nicht Personen so zu konturieren, damit ihre Entscheidungen - von den Verhältnissen abhän­gig - uns erklärbar oder verständlich werden. Und zum Schluß steht - wie ein Fanal - der Hendrik-Höfgen-Satz: „Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler."

Dieser Anspruch und andere sind im Hauptdarsteller nur zum Teil erfüllt. Miklos Horvath ist bestimmend im Auftreten, kaltschnäuzig in der Durchset­zung seines Willens; eine Faszi­nation, der flimmernde Charme, das Gewinnende eines Höfgen- Gründgens aber fehlt ihm. Mit sensibler Klarheit und fröhli­cher Kabarettspielerei zeigt Ur­sula Münch als Myriam Horowitz das, was andere Schau­spieler dieses Theaters noch vermissen lassen: die Fähigkeit, sich von der Bemühung im Spiel zu lösen.

Gelegentlich eingestreute Zi­tate aus Dokumentar-Filmen, die penetrante Hintergrund- Musik, Lichtspiele, das übliche Ausprobieren vieler technischer Möglichkeiten am neuen Thea­ter wirkten plump und teilweise hilflos.

War somit der „Mephisto" in Heilbronn noch relativ eine klar; gearbeitete Inszenierung, so bot! einen Tag später die einst am alten Heilbronner Stadttheater schon engagierte Liesel Christ, die ihre Anfängerzeit in der Neckarstadt bewältigt hatte, ei­ne sogenannte Volksschauspie­lerin aus Frankfurt, bekannt aus der Fernsehserie der Hessel­bach-Familie, mit Bruno Franks Stück „Sturm im Wasserglas" den Publikumserfolg.

Da schlugen sich die Besu­cher kreischend auf die Schenkel, und gelegentlich bekam! man auch einen heftigen Stoß mit dem Ellenbogen in die Rip­pen - von allzu begeisterten Nachbarn. Eine Billig-Inszenierung: die Kleider wahllos und wildgallopierend durch die Jahrzehnte aus dem Fundus ge­rafft; ein Bühnenbild, das - so schlecht gebaut und gestrichen - selten in den Provisorien Heilbronns auf die Bretter gesetzt worden war.

Die Abschlußinszenierung des Eröffnungsreigens, bei der die Hauptdarstellerin, Frau Christ, in der Rolle der Blumenhändlerin Frau Vogl in breitem Hessisch parlierend, ihren Hausregisseur Wolfgang Kaus aus Frankfurt gleich mitge­bracht hatte. Auch in dieser Ar­beit gab's wieder leidliche Dop­pelbesetzungen, die das Stück ins Wanken brachten. Der Ma­gistratsdiener Pfaffenzeller ist gleichzeitig Diener im Ge­richtssaal - und muß sich als Zeuge daher selbst aufrufen. Ein recht willkürlicher und un­logischer Spaß. Aber von dieser Sorte haarsträubender Unzu­länglichkeiten ist die Inszenie­rung nur so angefüllt.

In Heilbronn konnte man der Vergewaltigung einer Komödie beiwohnen. Mit Theaterspiel hatte das wenig zu tun. Die Eröffnungspremieren am Stadt­theater haben mehr von der Hilflosigkeit, mit einem schier unbezwingbaren Apparat an Technik und Personal fertig zu werden, gezeigt als das, was demnächst in diesem neuen Haus erarbeitet werden kann.

 

Stadttheater Heilbronn

Premiere „Mephisto“  26.1.1982

Premiere „Sturm im Wasserglas“ 28.11.1982

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

31.12.2022 -  Viel Geld verdienen

  Viel Geld verdienen Die USA und der Westen spielen sich als demokratische Onkel, der die Kinder mit kapitalistischen Geschenken beglück...