Dienstag, 19. Juli 2022

19.07.2022 - Layla, ein Mann

Neue Züricher Zeitung, 13.07.2022 -  Thema des Tages:

Lasst die Kirche im Dorf und «Layla» im Bierzelt!

Von Alexander Kissler

Redaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» in Berlin

Deutschland macht sich locker. Oder verliert es gerade seine letzten zivilisatorischen Hemmungen? Ein Lied zum Mitgrölen namens «Layla» sorgt nicht nur für den Sommerhit, sondern auch für die Erregung der Stunde. In mittlerweile zwei Städten darf es ob seines reichlich ordinären Inhalts nicht mehr auf Volksfesten gespielt werden, weitere Gemeinden könnten folgen.

Der Bundesjustizminister von der FDP hat sich bereits zu Wort gemeldet und das Verbot kritisiert. Ein Kollege von den Grünen sprang ihm bei, während sich andere Politiker und Aktivisten zufrieden zeigten. Die Aufregung aus eigentlich belanglosem Anlass zeigt: Der Puritanismus schreitet voran, doch er stösst auf Widerspruch, glücklicherweise.

Bei «Layla» handelt es sich um ein typisches «Ballermann»-Lied – geboren auf der Deutschen liebster Ferieninsel Mallorca, gemacht zum Mitsingen in der alkoholisierten, schwitzenden Menge, am besten nach Mitternacht.

Alles nur eine Frage der Awareness?

Nüchtern ist kaum zu ertragen, was die Macher, zwei DJ aus Baden-Württemberg, da fabriziert haben. Mit der titelgebenden Dame ist eine, wie es wörtlich heisst, «Puffmama» gemeint, die «schöner, jünger, geiler» sei, das «Luder Layla». Ein simpler Rhythmus treibt den Disco-Hit voran, aufwendige melodische Folgen sucht man vergebens.

Im Video ist Layla ein Mann in Frauenkleidern.

Erzürnt gibt man sich in Würzburg und Düsseldorf. Weder auf dem fränkischen Kiliani-Fest noch auf der rheinischen Kirmes soll «Layla» erklingen. Es handele sich um ein sexistisches Machwerk, heisst es, das «nicht auf unseren Festplatz gehört». So formuliert es der Vorstand des veranstaltenden Düsseldorfer Schützenvereins, bei dem zuvor die Stadtverwaltung vorstellig geworden war.

In Würzburg wurde die Gemeindeverwaltung direkt aktiv und sprach ein Verbot aus. «Rassistisches, sexistisches oder extremes Liedgut» sei auf städtischen Veranstaltungen generell unerwünscht, «Layla» falle in diese Kategorie. Eine vom Bayerischen Rundfunk zitierte Aktivistin sagt lobend, Würzburg zeige «Awareness».

Die klaren Verurteilungen halten die Deutschen freilich nicht davon ab, den Song derart oft zu konsumieren, dass er seit über drei Wochen bundesweit den ersten Rang der Verkaufscharts belegt. Und in manchem Würzburger Bierzelt wird die Hymne dennoch gesungen. «Layla» stillt offenbar ein Bedürfnis. Nur welches?

Eingeklemmt zwischen zwei womöglich ähnlich bedrückenden Corona-Wintern, inmitten einer Energiekrise, bei hoher Inflation und während ein brutaler Krieg in Europa tobt, wächst die Sehnsucht nach Party, Spass und Unvernunft.

Wer täglich die mürrischen Gesichter sieht von Politikern, die mal zum Maskentragen, mal zum Masshalten aufrufen, der will sich für eine kurze Weile auch einmal unter Niveau amüsieren. Das ist eine normale, eine menschliche Reaktion.

Es gibt in diesem Sommer schon genug Illiberalität

Bei Lichte betrachtet, ist «Layla» weniger sexistisch als der handelsübliche Gangsta-Rap, in dem Frauen zur Wegwerfware herabgewürdigt werden, und um keinen Deut plumper als das Gros der Party-Hits der vergangenen Jahrzehnte. Oder soll, um einen Evergreen aus der Ballermann-Schmiede zu zitieren, jetzt auch der zwei Jahrzehnte alte Schunkelschlager von den «Zehn nackten Friseusen» verboten werden? Oder die gesungene Geschmacklosigkeit namens «Dicke Titten, Kartoffelsalat»?

Der Mensch ist nun einmal mehr als die Summe der Verhaltensregeln, mit denen ihm wohlmeinende Politiker und Mitmenschen den rechten Pfad weisen wollen.

Wer zotige Schlager nicht mag, sollte Bierzelte meiden, und wer «Layla» lustig findet und mitsingen will, der möge es tun. Kaum etwas braucht eine ohnehin gereizte Gesellschaft weniger als weitere Verbote, zusätzliche Freudlosigkeit, noch mehr Illiberalität. Von alldem gibt es in diesem Sommer bereits genug.

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