Wie im Krieg sterben?
„Süß und ehrenvoll ist’s, fürs Vaterland zu sterben.“ Niemand weiß, wie häufig diese Worte des römischen Dichters Horaz jungen Männern in den vergangenen 2000 Jahren entgegengeschmettert wurden, um ihnen den Tod auf dem Schlachtfeld als rühmlich darzustellen. Vermutlich waren sie auch vielen der Soldaten geläufig, die am 18. Juni 1815 bei Waterloo aufeinanderprallten. Beim letzten Aufbäumen Napoleon Bonapartes, dem alliierte Truppen unter dem englischen Feldmarschall Arthur Wellesley, 1. Duke of Wellington, und dem preußischen Gebhard Leberecht von Blücher ein Ende setzten – unter horrendem Blutzoll auf allen Seiten. Mindestens 20.000 Männer und ihre Pferde fanden den Tod. Vermutlich waren es sogar noch viel mehr.
Wo ihre sterblichen Überreste geblieben sind, gilt als eines der großen Geheimnisse rund um die Schlacht von Waterloo. In den vergangenen zehn Jahren stießen Archäologen selbst mit den ausgefeilten Methoden des 21. Jahrhunderts nur auf ganze zwei Skelette. An Theorien mangelte es nicht. So hieß es, die sterblichen Überreste seien in den 1820er-Jahren ausgegraben, nach England exportiert und dort zu Knochenmehl verarbeitet worden, bevor sie als Düngemittel auf den Feldern landeten. Doch nun scheinen drei Forscher das Rätsel um das Schicksal der Gefallenen gelöst zu haben – mit einem überraschenden Ergebnis, das das Horaz-Zitat auf grauenvolle Weise ad absurdum führt.
In ihrem Forschungsbericht, der an diesem Donnerstag veröffentlicht wird und der F.A.Z. vorliegt, legen der belgische Historiker Bernard Wilkin, sein deutscher Kollege Robin Schäfer und der britische Schlachtfeldarchäologe Tony Pollard offen, dass wohl rund 20 Jahre nach der Schlacht damit begonnen wurde, die Totenruhe der meisten Gefallenen zu stören, ihre Gebeine auszugraben, zu verkaufen und zur Produktion von Zucker zu missbrauchen. Stützen können sich die drei Wissenschaftler auf bislang unerschlossene zeitgenössische Berichte und Briefe aus den Gemeindearchiven der Orte Braine-l’Alleud und Plancenoit, auf deren Gebieten die Schlacht tobte. Sie dokumentieren ab 1834 illegale Ausgrabungen in Massengräbern, in denen die Toten nach den Kämpfen verscharrt wurden. So heißt es in einer Bekanntmachung des Bürgermeisters von Braine-l’Alleud, die er aushängen ließ: Er sei dazu aufgefordert worden, die Einwohner darüber zu informieren, dass entsprechende Handlungen gegen das Strafgesetzbuch verstoßen „und mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu einem Jahr und einer Geldstrafe von zehn bis 200 Franken geahndet werden“.
Die Leichen auf dem Schlachtfeld wurden dennoch weiter exhumiert. Das dokumentiert unter anderem der Brief eines deutschen Besuchers des Gutshofs La Haye Sainte. Er war während der Schlacht von 400 deutschen Soldaten in britischen Diensten gegen eine vielfache französische Übermacht verteidigt worden, bis ihnen die Munition ausging. Die Deutschen verhinderten so wohl einen Durchbruch durch das Zentrum der alliierten Linien. 15 Jahre später fand der deutsche Geologe Karl von Leonhard rund um den Hof „mächtige Haufen von Pferdeknochen“ und „tiefe Gräben, gefüllt mit Menschen und Tieren“. Dabei habe einer der Arbeiter „die Knochen der Garde-Grenadiere“ besonders gelobt, da sie, wie er versicherte, „so viel wiegen wie die von Pferden“.
Dass die Gebeine der Gefallenen in der Zuckerproduktion endeten, dafür führen die Forscher einige Argumente ins Feld. Der Aufstieg der Zuckerindustrie in Belgien begann 1833. Preis und Nachfrage nach Knochen explodierten förmlich, weil die Fabriken die Knochen zur Knochenkohle verarbeiteten. Die wurde für die Filter benötigt, die zum Einsatz kamen, um den Zucker zu entfärben – nicht nur in Belgien, sondern auch in anderen Teilen Europas. Der Aufwand war gigantisch. Ein Politiker jener Tage bezifferte den Knochenbedarf auf ein Drittel des produzierten Zuckers. 1834 liberalisierte das belgische Parlament den Außenhandel mit Tierknochen.
Zur selben Zeit schossen Zuckerraffinerien und Knochenkohlefabriken im Königreich aus dem Boden. Die Zuckerrübe verdrängte Getreide und Kartoffeln von den Feldern, gerade auch in dieser Gegend. Mit dem Anbau der Zuckerrüben seien die Bauern zwangsläufig auf menschliche Überreste und Massengräber gestoßen, weil der Boden besonders tief gepflügt werden musste. Die Forscher verweisen auch auf zeitgenössische Gerüchte aus der Presse über den Handel mit Knochen der Waterloo-Gefallenen. So zitieren sie aus einem Artikel des „L’Indépendant“ vom 23. August 1835, in dem es heißt, eine Gesellschaft von Industriellen habe die Erlaubnis erhalten, das Schlachtfeld auszuheben, um „die Knochen der Tapferen, die tot auf dem Feld der Ehre liegen, zu entfernen, um Knochenkohle zu machen. Eine einzige Tatsache dieser Art genügt, um eine Epoche zu charakterisieren.“
Die Antwort auf eine offene Frage der letzten 200 Jahre“
Die Autoren selbst verwahren sich dagegen, die Menschen von damals vorschnell dafür zu verurteilen, dass sie die letzte Ruhe der Gefallenen störten. Der Handel mit den menschlichen Überresten habe sich aus dem Wunsch gespeist, das tägliche Leben zu verbessern. Mit einem Gewicht von mindestens 1.700.000 Kilogramm Knochen der Gefallenen und ihrer Pferde hätten sich 238.000 Franc verdienen lassen. Das war damals ein kleines Vermögen. Die Bürgermeister hätten kein Interesse gehabt, dem ein Ende zu setzen. …
FAZ
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